Passive Aggression in einer Beziehung – Auswirkung auf die Partnerin

Leben mit einem passiv aggressiven Partner tut weh

Schmerzhaftes Zusammenleben & Verzweiflung

In verschiedenen Beiträgen bin ich bereits darauf eingegangen, wie sich passive Aggression in einer Partnerschaft zeigt. (Ich verlinke euch diese am Ende des Beitrags.) Heute soll es allerdings überwiegend um die Auswirkungen auf die Partnerin gehen.

Es ist wichtig, zu verstehen: Für den passiv aggressiven Partner ist der Leidensdruck gering, denn ihm ist sein Verhalten häufig gar nicht bewusst, bzw. er leugnet es. Wenn er leidet, dann unter seiner Partnerin, die ihn ständig kritisiert. Sie ist es, die in erster Linie in einer derartigen Partnerschaft leidet. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er konsequent leugnet, was sie als Problem ansieht.
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Schauen wir aber einmal genauer hin.

Er kommt nach Hause, begrüßt sie lieb, und fragt, warum sie noch nicht umgezogen sei. Sie sitzt da, im Jogginganzug, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, und die Unordnung in der Wohnung vom Wochenende ist nicht zu übersehen. Schließlich beseitigt sie diese immer erst Dienstags, da der Montag immer ein sehr vollgepackter Tag ist. Nun hat sie sich nach ihrem anstrengendem Arbeitstag auf das Sofa gekuschelt, und will gerade ihre Lieblingsserie schauen.

Sie fragt erstaunt: „Wieso sollte ich umgezogen sein, wofür?“ Seine Antwort ist ein Schlag in ihr Genick. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich meinen Chef und seine neue Frau heute zu uns zum Essen eingeladen habe. Wieso hast du nicht aufgeräumt, und etwas vorbereitet?“

Was nun passiert, ist Stress pur. Sie sagt entsetzt: „Du hast mir überhaupt nichts davon erzählt.“ Darauf kontert er: „Hast du wieder mal nicht zugehört? Natürlich habe ich dich gefragt, ob ich die Beiden für heute zu uns einladen kann. Du bist immer so abwesend.“ Nun laufen ihr die Tränen herunter. Sie weiß doch genau, dass er kein Sterbenswörtchen von einer Einladung gesagt hat. Nicht am Wochenende, nicht in den Wochen davor. Unter anderem weiß sie das deswegen so genau, weil sie ihn in diesem Fall gebeten hätte, nicht gerade einen Montag auszuwählen, da sie, wie er weiß, Montags immer extrem kaputt ist.

Sie ist verzweifelt. Erstens behauptet er, dass er diese Angelegenheit mit ihr abgestimmt hätte. Sie weiß aber genau, dass das eine Lüge sein muss. Natürlich ist sie empört darüber, dass er seinen Chef und dessen Frau gerade an einem Tag einlädt, an dem sie selbst bekanntermaßen mit Arbeit zugestopft ist, und den Haushalt deswegen Haushalt sein lässt. Gerade Montags kommt auch er spät heim, so dass sie sowohl mit dem Aufräumen, als auch mit dem Essen kochen von ihm allein gelassen wird. Und überhaupt, warum hat er am Wochenende nichts von der Einladung erwähnt, und beim Einkaufen am Samstag gemeinsam mit ihr überlegt, was sie den beiden anbieten können. WIESO???, fragt sie sich. Wieso macht er solche Dinge mit mir? Will er mir eins auswischen, mich vielleicht kränken? Warum ist er wieder mal so versteckt aggressiv zu mir?

Für eine Auseinandersetzung bleibt ihr allerdings keine Zeit. Sie muss den Haushalt in kürzester Zeit auf Vordermann bringen, obwohl auch sie körperlich erschöpft ist. Er packt nicht mit an, schließlich hat er einen harten Arbeitstag hinter sich. Oberflächlich macht sie, was sie schnell schaffen kann.

Sie fühlt sich wie in Ketten

Was soll ich nur kochen, überlegt sie. Nebenbei springt sie unter die Dusche und schminkt sich. Der Stress für sie ist übermäßig, während er gemütlich auf dem Sofa sitzt. Schließlich muss er sich nicht schminken, nicht unter die Dusche springen, und sich keine Gedanken machen. Dafür hat er ja sie. Sie muss nun aus dem Nichts etwas zu essen zaubern, was diesem Besuch angemessen erscheint. Immerhin sind es Fremde, die heute zum ersten Mal kommen.

Ein schlechtes Essen oder eine unaufgeräumte Wohnung würde nur auf sie, nicht aber auf ihn zurück fallen. Noch immer leben wir in einer Gesellschaft, die solche Dinge eher von der Frau, als vom Mann erwartet. 

Ihr Stress ist kaum aushaltbar. Wurde sie nicht nur vor vollendete Tatsachen gestellt, dass sein Chef und Frau in Kürze zum Essen kommen, und sie alles allein zu regeln hat, sondern viel schlimmer ist ihr Entsetzen über ihn und sein Verhalten. Über seine wiederholten passiven Aggressionen.

Er tut nett, obwohl er es nicht ist, das schlägt dem Fass den Boden aus. Er ist freundlich, mäkelt nicht. Aber er hilft auch nicht. Aus seiner Sicht ist es ihre eigene Schuld, dass sie diese Einladung vergessen hat. Dafür muss er sich nun nicht krumm machen. Sie jedoch weiß es besser. Weiß, dass diese Art Prinzip ist. Das ist es, was besonders schmerzt!

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Was ist tatsächlich passiert?

Wie so oft, hat er ihr eine wichtige Information verschwiegen: Mein Chef und seine Frau kommen zu uns zum Essen. Diese Information hat schwerwiegende Folgen für seine Partnerin. Sie nämlich trägt die Hauptlast. Muss nicht nur adrett & frisch aussehen, sondern auch noch vor Esprit funkeln. Darüber hinaus muss sie für einen Haushalt sorgen, der picobello ist, und ein ansprechendes Essen zaubern.

All das wäre nicht so schlimm, wenn sie informiert gewesen wäre. Sie hätte geplant, getan und gemacht und alles problemlos hin bekommen. Wenn nicht das kleine Wörtchen „WENN“ nicht da wäre. Ja, WENN er ihr diese Information auch mitgeteilt hätte.

Natürlich würde sie daran glauben, dass er ihr diese Information nur versehentlich nicht mitgeteilt hätte, wenn derartige Vorfälle sich nicht häufen würden. Wenn er nur zugeben würde, dass er ihr nichts von dieser Einladung erzählt hat, hätte er ein entsprechendes Schuldbewusstsein. Er würde beim Aufräumen mit anpacken, und Verantwortung für das Essen übernehmen. Fehler passieren. Alles wäre gut.

Aber: das Gegenteil ist der Fall. Er leugnet. Gibt die Schuld vehement ihr. Verschiebt dabei die Realitäten, so, dass sie anfängt, an sich selbst zu zweifeln. Hat sie vielleicht wirklich nicht zugehört? Ist ihr etwas entgangen? Ist sie tatsächlich selbst Schuld an ihrem Stress?

Ihr Kopf will durchdrehen. Sie weiß doch sicher, dass er nichts gesagt hat. Wieso beharrt er dann so? Warum kann er nicht zugeben, dass er vergessen hat, sie ins Boot zu holen? Wieso ist er ihren Argumenten gegenüber nicht aufgeschlossen? WARUM macht er das? Was bewegt, was treibt ihn an? Oder ist doch sie selbst nicht mehr ganz zurechnungsfähig? Vergesslich vielleicht? Sie zweifelt und verzweifelt immer mehr.

Was wir nicht wissen, ist, ob er wissentlich lügt. Ob er wirklich hochbewusst die Einladung verschweigt, um ihr hinterher die Schuld geben zu können. Oder ob er einfach „nur“ seiner passiven Aggression frönt, und seine Partnerin mobbt!?

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Weitere Beiträge zum Thema:

http://psychologica.de/passive-aggression/

http://psychologica.de/passive-aggression-ein-erklaerungsversuch/

http://psychologica.de/leben-mit-einem-passiv-aggressiven-partner-i/

http://psychologica.de/leben-mit-einem-passiv-aggressiven-partner-ii/

LEBEN MIT EINEM PASSIV-AGGRESSIVEN PARTNER III

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Almut Bacmeister-Boukherbata
Psychologische Beraterin & Paarberaterin in eigener Praxis seit 2001. In Hamburg lebend und praktizierend. Bietet seit 2010 auch mobile Beratung im Hamburger Umkreis an. Für alle, die nicht aus Ihrem Einzugsgebiet kommen, bietet sie Telefonberatung an. Ihre Arbeitsweise ist kreativ und intuitiv, Klientenbezogen. Bekannt unter dem Begriff: "Individuelle Wegbegleitung". Sie schreibt Bücher und betätigt sich künstlerisch.
Almut Bacmeister-Boukherbata

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