Passive Aggression – Ein Erklärungsversuch…

Ursache und Auswirkung einer passiv-aggressiven Persönlichkeitsstörung

In meiner Praxis begegnen mir häufig Menschen, die glauben, ihr Partner, oder ihre Partnerin seien passiv-aggressiv. Bei genauerem Hinsehen stellt sich dann aber heraus, dass der Partner wohl hin und wieder passiv-aggressiv handelt, aber nicht den Prinzipien der passiv-aggressiven Persönlichkeit entspricht.

Wir alle handeln je nach Situation mal passiv-aggressiv, einfach, weil wir in dieser Situation einem offenen Streit aus dem Weg gehen wollen. Vielleicht sind wir gerade auf dem Weg zu guten Freunden, und wollen auf keinen Fall dort zerstritten auftauchen. Das ist verständlich, und geschieht eben nicht aus einer passiv-aggressiven Persönlichkeit heraus.

Schauen wir uns zunächst die Erklärung bei Wikipedia an, die bereits von Wikipedia selbst mangels ausreichender Belege infrage gestellt wird:

„Die passiv-aggressive, auch negativistische Persönlichkeitsstörung, ist gekennzeichnet durch ein tiefgreifendes Muster negativistischer Einstellungen und passiven Widerstandes gegenüber Anregungen und Leistungsanforderungen, die von anderen Menschen kommen. Sie fällt insbesondere durch passive Widerstände gegenüber Anforderungen im sozialen und beruflichen Bereich auf und durch die häufig ungerechtfertigte Annahme, missverstanden, ungerecht behandelt oder übermäßig in die Pflicht genommen zu werden.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Passiv-aggressive_Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung

Die Beschreibung ist sehr allgemein, und relativ nichtssagend. Um die passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung zu verstehen, müssen wir uns dieses Thema genauer anschauen. Dazu ist es sinnvoll, sich einige Fragen zu stellen.

Warum lebt ein passiv-aggressiver Mensch Wut und Ärger nicht offen aus, sondern versteckt diese hinter einer passiven Handlung?

Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Der passiv Aggressive möchte nicht als aggressiv angesehen werden. Er hat Angst, für seine offen gelebten aggressiven Gefühle bestraft zu werden. Dieses Verhaltensmuster wurde vermutlich in seiner Kindheit geprägt. Wenn ein Kind schon früh für aggressives Verhalten bestraft wurde, oder auch Gefühle wie Wut unterdrückt wurden, dann konnte das Kind nicht lernen, wie ein vernünftiger Umgang mit Aggression aussieht. Aggression gehörte zu den unerwünschten Gefühlen.

Oft hatten bereits die Eltern nicht gelernt, mit derart negativen Gefühlen umzugehen, so dass sie nicht in der Lage waren, ihren Kindern einen gesunden Umgang mit solchen Gefühlen nahe zu bringen. Der so geprägte Mensch wird als Erwachsener Schwierigkeiten im Umgang mit seiner Wut haben.

Das könnte auch dazu führen, dass er cholerisch wird, und zu Wutausbrüchen neigt. Das wäre die andere Seite der gleichen Medaille. Warum ein Mensch nun dazu neigt, sich die eine, und nicht die andere Seite auszusuchen, ist schwieriger nachzuvollziehen. Vielleicht lehnt er Gewaltausbrüche ab, ist von seiner psychologischen Konstitution eher ein ruhiger Mensch, und neigt deshalb eher zur passiv-aggressiven Verhaltensweise.

Ein besonderes Dessert mit aggressiver Beilage

Ein besonderes Dessert mit aggressiver Beilage

Welchen Vorteil hat ein passiv-aggressiver Mensch von seiner indirekten Art, Wut und Ärger auszuleben?

Ich will dies an einem Beispiel erläutern:

Ein Partner ist liebevoll um seine Partnerin bemüht. Er versucht alles, um es ihr recht zu machen, sie zufrieden zu stellen und glücklich zu machen. Dennoch gibt es hin und wieder Situationen, in denen er sich über die Verhaltensweisen seiner Partnerin ärgert. Als er ihr eines Tages eine besondere Freude machen will, weiß er doch, dass sie Joghurt über alles liebt, ergibt sich DIE Gelegenheit. Er kreiert eine Nachspeise, die aus Joghurt und Früchten besteht. Leider nimmt er dazu Blaubeeren, obwohl er eigentlich ganz genau weiß, dass sie Blaubeeren hasst.

Als er das Dessert serviert, ist sie bereits in der Falle. Regt sie sich darüber auf, kann er zu Recht behaupten, dass er sich doch so viel Mühe gemacht hätte, und sie wohl nie zufrieden wäre. Er hätte halt vergessen, dass sie Blaubeeren verabscheue, das könne doch mal vorkommen. Aber eigentlich sollte doch seine gute Absicht zählen, usw. Sie hat keine Chance, ihm nachzuweisen, dass er das mit den Blaubeeren absichtlich gemacht habe, um ihr eins auszuwischen. Es ist noch nicht einmal sicher, dass er dies bewusst gemacht hat, aber sein Unterbewusstsein hat auf jeden Fall mitgespielt, und gewonnen.

Dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass er seine Wut an seiner Partnerin auslassen kann, ohne dass sie auch nur andeutungsweise adäquat darauf reagieren könnte. Er empfindet eine innere Genugtuung, ohne offen zu seinen Aggressionen stehen zu müssen. So kann er seinem Ärger ein Ventil verschaffen, ohne zu riskieren, dafür von seiner Partnerin abgestraft zu werden. Wie es seiner Partnerin damit geht steht auf einem anderen Blatt. Auf jeden Fall leidet sie.

Ist das passiv-aggressive Verhalten von dem Menschen, der dieses lebt, bewusst zu steuern?

Diese Frage zeigt die Grenze zwischen krankhafter passiver Aggression und umständebedingter versteckter Aggression auf. Ein Mensch, der sich seines Verhaltens bewusst ist, und dieses hin und wieder absichtlich einsetzt, leidet sicherlich nicht unter einer entsprechenden Persönlichkeitsstörung. Diese kommt nämlich dann zum Tragen, wenn die Person sich ihres Verhaltens nicht bewusst ist, und es auch nicht willentlich steuern kann. Auf eine passive Aggression angesprochen, reagiert der so gestörte Mensch mit Unverständnis und Negierung. Er wird alles dafür tun, sein Verhalten mit anderen Argumenten zu erklären (s.o. Blaubeerabscheu vergessen).

Ein Mensch, der sich nur ab und zu dieses Verhaltens bedient, wird zugeben können, dass er eigentlich aus Wut gehandelt hat. Ein passiv-Aggressiver hingegen, spürt seine Wut nicht bewusst. Er hat ein Bild von sich selbst, dass ihn als „Saubermann“ dastehen lässt, er glaubt tatsächlich, überhaupt nicht aggressiv zu sein. Im Gegenteil, er ist davon überzeugt, keine derart negativen Gefühle zu haben. Dabei ist es tatsächlich so, dass er sich leicht von anderen verletzt fühlt, und überzeugt ist, dass diese bewusst etwas gegen ihn gemacht haben. Er neigt auch dazu, Worte und Sätze anderer Mensche so zu interpretieren, als seien sie aggressiv oder abwertend gegen ihn gemeint, und reagiert entsprechend seiner Persönlichkeit.

Die negative Selbsteinschätzung verstärkt sein passiv-aggressives Verhalten. So hat er möglicherweise Angst, den geliebten Menschen zu verlieren, wenn er ihm ehrlich die Meinung sagt. Unbewusst sieht er sich gezwungen, Gefühle, wie Aggression und Wut zu verneinen, und sie selbst nicht zu spüren.

Damit beginnt ein unheilvoller Kreislauf, denn dauerhafte passive Aggression führt schnell zur Enttäuschung beim Gegenüber und verursacht damit wiederum Aggressionen bei der betroffenen Person. Diese reagiert zunächst frustriert, enttäuscht, und später, wenn sie durchschaut, dass hinter den passiven-aggressiven Verhaltensweise System steckt, mit großen Aggressionen. Diese wiederum sorgen für weiteres passiv-aggressives Verhalten. Verzweiflung und Hilflosigkeit sind die Folge. Der nicht passiv-aggressive Partner leidet schwer unter einer gestörten Beziehung.

Die Partnerschaft, oder auch jede andere Bindung, die unter der passiven Aggression einer Person leidet, wird dauerhaft belastet. Da die Problematik kaum auflösbar ist, bleiben, mindestens zwei verstörte Personen zurück. Oft ist hier Trennung der einzige Weg hinaus.

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Almut Bacmeister-Boukherbata
Psychologische Beraterin & Paarberaterin in eigener Praxis seit 2001. In Hamburg lebend und praktizierend. Bietet seit 2010 auch mobile Beratung im Hamburger Umkreis an. Für alle, die nicht aus Ihrem Einzugsgebiet kommen, bietet sie Telefonberatung an. Ihre Arbeitsweise ist kreativ und intuitiv, Klientenbezogen. Bekannt unter dem Begriff: "Individuelle Wegbegleitung". Sie schreibt Bücher und betätigt sich künstlerisch.
Almut Bacmeister-Boukherbata

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