Passive Aggression in Reinkultur – Teil 1/2

Ist passive Aggression Teil meines Lebens?

Foto aus Schmusekätzchen und Tiger übereinander geblendet

Sieht aus wie ein Schmusekätzchen und dennoch steckt ein Tiger in ihm

Ich werde häufig gefragt: „Ist mein Partner passiv-aggressiv?“ Das jedoch zu erkennen und mit Sicherheit festzustellen, ist schwierig, sogar für mich, als geschulte Person. Genauso häufig begegnet mir allerdings auch ein: „Hilfe, mein Partner ist passiv-aggressiv, was kann ich tun?“ Das ist natürlich schön, wenn die Diagnose gleich mitgeliefert wird. Schwierig bleibt es jedoch, von außen zu erkennen, ob dem wirklich so ist.

Unter uns: Niemand kann tatsächlich so gut erkennen, ob der Partner passiv-aggressiv ist, wie die Partnerin. Einfach, weil ihr, und häufig nur ihr, diese passiv-aggressiven Verhaltensweisen begegnen. Der Partner, der unter passiver Aggression leidet, versteht es häufig prächtig, dieses Verhalten in der Umwelt nicht zu zeigen. Nach außen hin, sind es häufig eloquente Menschen, die scheinbar gut mit ihrer Umwelt zurecht kommen.

Das klassische passiv-aggressive Verhalten scheint durch die tiefen Gefühle zu einem anderen Menschen und dem daraus resultierendem Wunsch nach Nähe und Harmonie ausgelöst zu werden. Denn gerade in Zeiten, in denen die Beziehung durch den Alltag ins Schlingern gerät, bricht sich die passive Aggression immer mehr Bahn.

Bild mit Schriftzug: Passive Aggression

Passive Aggression

Nun ist es nicht leicht, eine wirkliche passive Aggression zu erkennen, und von anderen psychischen Erkrankungen abzugrenzen. Viele Betroffene haben auch narzisstische Züge an sich, oder neigen ebenfalls zu Verhaltensweisen, die z.B. aus dem Gaslightning bekannt sind. Die Übergänge scheinen fließend, und eine Abgrenzung insofern schwierig, als dass es anscheinend kein klares Krankheitsbild gibt. Die Übergänge sind fließend, und Diagnosen sollten wir lieber speziell geschulten Fachleuten überlassen.

Ich denke, es ist auch nicht wirklich sinnvoll, seinen Partner zu diagnostizieren, oder sonst wie zu katalogisieren, sondern viel mehr zu schauen, welches Verhalten von ihm und DASS sein Verhalten eine Wirkung auf dich, als Partnerin hat. Eine zerstörende Wirkung, die dich in jedem Fall als Verliererin aus dieser Beziehung hervor gehen lässt. Die Frage, die dich in erster Linie beschäftigen sollte, ist also: „Wie kann ich mich schützen?“, „Was kann ich machen, um mich aus dieser langsam zersetzenden und toxischen Beziehung zu befreien?“

Und genau hier ist eins der Probleme. Oft sind noch Gefühle vorhanden. Hoffnungen darauf, den Partner verändern zu können. Der Wunsch, die Beziehung möge so, wie am Anfang werden. Da fällt Loslassen schwer. Genau wie er, wünscht du dir die bedingungslose Liebe vom Anfang zurück. Willst so akzeptiert werden, wie du bist. Genau, wie er. In deinem tiefen Inneren weißt du es: Ihr wollt beide das Gleiche. Einander lieben. Füreinander da sein.

Ja, wäre da nicht sein Verhalten. Diese störende, alles zerstörende Verhalten, welches dich nicht nur immer aggressiver macht, sondern zunehmend zermürbt. Dieses Verhalten, welches er konsequent verleugnet. Sein Verhalten, welches er gern mal definiert als Reaktion auf dein Verhalten. Schließlich liebt er es, dich auflaufen zu lassen, dir die Worte im Mund zu verdrehen, dich zu unterbrechen, dich unterzutauchen mit Worten, die nicht passen.

Fotocollage halb Männer, halb aggressives Wolfsgesicht

Steckt ein aggressiver Wolf hinter dem harmlosen Gesicht

Er quält dich. Du aber lässt es zu.

Selten hat das Zitat von Henry Ford eine derartige Bedeutung: „Love itchange it or leave it“ Nur, du wirst nicht ihn ändern können, sondern nur die Situation, in der du dich befindest. Die Lösung heißt also, IHN so zu lieben, wie er nun mal ist, mit diesen Schwächen, oder dein Reaktion auf sein Verhalten zu ändern, indem zu es akzeptierst, als eine seiner Macken, oder die Partnerschaft hinter dir zu lassen, dich zu trennen. Der Selbstschutz greift allerdings nur bei einer Trennung. Denn auch bei einer geänderten Haltung deinerseits, bist du seinen Angriffen weiterhin ausgesetzt.

Also gehe in dich, und überprüfe, womit du wirklich leben willst und kannst.

Einige Beispiele aus der passiv-aggressiven Ecke

Beispiel 1:

Du hast ein Problem. Seit einiger Zeit scheint dir die Sonne im Schlaf am frühen Morgen mitten ins Gesicht. Ihr seid nämlich umgezogen, und euer Bett steht nun anders als früher. Obwohl du normalerweise auch schlafen kannst, wenn es hell ist, und du sogar ein sanftes Licht während der Nacht im Schlafzimmer befürwortest, weil du die absolute Dunkelheit nicht magst, weckt dich die Sonne regelmäßig viel zu früh. Ihn stört das nicht, weil der Sonnenstrahl ihn nicht erreicht. Du kämpfst jedoch mit Schlafmangel. Also wendest du dich Hilfe suchend an ihn. Erzählst, dass du seit Tagen zu wenig geschlafen hast, weil die Sonne dich weckte, und dass du zusätzlich ein Rollo am Fenster anbringen möchtest.

Er zeigt sich besorgt und interessiert. Da er dich gut kennt, kommt er nun mit einer unschlagbaren Lösung: „Lass‘ uns doch das Licht ausmachen.“ Ein typischer Schlag mit der passiv-aggressiven Peitsche. Eine klassische Anti-Lösung. Er will dich also des Nachts der Dunkelheit aussetzen, während die Sonne des Morgens dich weiterhin wecken darf. Du fasst dich an den Kopf, wirst aggressiv? Wieso? Er zeigte sich doch an einer Lösung interessiert, machte sogar einen Vorschlag.  „Honi soit qui mal y pense“, heißt: Ein Schelm, der böses von ihm denkt. Er ist doch harmlos und hat nichts böses im Sinn.

Beispiel 2a:

Harmloser Mann mit Schriftzügen: Aggression

Mann mit Aggression im Hintergrund

Ihr seid schon ein paar Jahre zusammen, und eure Liebe ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Da bittest du ihn um einen Gefallen. Bittest ihn, er möge dir bei etwas helfen. Etwas, das du allein nicht bewerkstelligen kannst. Du bist also tatsächlich auf seine Hilfe angewiesen. Eine schöne Situation, in der er dich auflaufen lassen kann…

Wie macht er das?

Er fängt eine Litanei über die Schmerzen in seinem Knie an. Wie schlimm das doch sei, und wie wenig Rücksicht du darauf nehmen würdest. Natürlich weißt du von seinen Schmerzen, auch davon, dass diese immer wieder mal zurück kehren. Im Alltag scheint er jedoch leistungsfähig, schafft seine Arbeit, ohne zu klagen, und du merkst kaum etwas von seinen Beschwerden. Dennoch eignen sie sich gut, dir eine „reinzuwürgen“. Es macht ihm sichtlich Spaß, dich damit zu tyrannisieren, und zu keinem Ende zu kommen.

Schon lange geht es nicht mehr um die Hilfe, um die du ihn gebeten hast. Es geht um Prinzipien. Keinesfalls darum, voran zu kommen, und dir zur Seite zu stehen, sondern darum, dich schlecht da stehen zu lassen. So rücksichtslos, wie du dich verhältst. Forderst seine Hilfe, obwohl er doch so unter Schmerzen leidet. Wie kannst du nur?

Beispiel 2b:

Und überhaupt, immer solle er dir helfen, dich permanent unterstützen usw. Nie würdest du ihm helfen, wenn er einmal deine Hilfe benötigen würde. So oft würde er dich fragen, und jedes Mal eine Abfuhr von dir erhalten.  Ja, er liebt unzulässige Verallgemeinerungen. Er liebt es, dich nieder zu kämpfen. Dir ein schlechtes Gewissen einreden, das ist das, was er möchte.

Nur, die Wahrheit ist anders. Du würdest dich freuen, wenn du ihm auch mal helfen könntest. Tust alles für ihn. Opferst dich auf. Aber das, was du freiwillig für ihn tust, ist nicht genug für ihn. Er bekommt es nicht mit. Würdigt es nicht.

Er fragt dich auch nicht nach deiner Hilfe. Dabei würdest du ihm durchaus zur Hand gehen, ihn stärken. Würdest liebend gern mit anpacken. Allerdings nimmt er deine Unterstützung nicht in Anspruch. Was er macht, das ist unfair. Er fordert ausschließlich dann deine Hilfe, wenn er genau weiß, dass du sie ihm nicht geben kannst, oder ihm verweigern wirst.

Gesicht eines Mannes, halb Mann, halb Leopard

Der Leopard im harmlos wirkenden Manne

Zum Beispiel während eines heftigen Streits, in dem du dich tief gekränkt fühlst, fordert er plötzlich deine Hilfe. Nicht, weil er sie wirklich benötigt, sondern, weil er dir beweisen will, dass du ihm nicht hilfst. Er fordert also deine Hilfe für etwas, von dem du denkst: „Bitte? DAS kann er auch allein.“, und in einem Augenblick, in dem du in deiner Verletzung auf jeden Fall NEIN sagst. Er fragt auch nicht wirklich, sondern knallt dir an den Kopf, du würdest ihm ja wieder nicht helfen. Eine Art, die sofort deinen Widerspruch hervor ruft. Innerlich sagst du dir: „Nee, SO nicht.“, und lässt ihn deinerseits auflaufen.

Gern fragt er dich auch, ob du ihm helfen kannst,  wenn du gerade los musst, und einen wichtigen Termin hast. Du bist also gezwungen, seine Bitte um Hilfe abzulehnen. Nie aber fragt er dich in einer Situation, in der du Zeit hättest, kein Streit zwischen euch ist, und in einer Art, die normal wäre. „Schatz, könntet du mir bitte einmal helfen?“, oder so ähnlich.

Nein, er haut dir diese Dinge um den Kopf, wenn du es wagst, ihn zu bitten, dir zu helfen. ER ist nicht in der Lage, eine normale, adäquate Kommunikation mit dir zu führen. Denn wenn er Recht hätte, und ein Ungleichgewicht zwischen euch herrscht, dann wäre es sinnvoll, diese Problematik im Gespräch auf den Tisch zu bringen. Mit verdrehter Wahrnehmung, passiv-aggressiven Äußerungen, und verfälschter Darstellung zu ungünstigen Zeitpunkten, kann man leider nichts ändern. Aber: ER ist, wie er ist.

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Hier bloggt für euch Almut Bacmeister-Boukherbata, Psychologische Beraterin & Paarberaterin in eigener Praxis seit 2001. In Hamburg lebend und praktizierend. Bietet seit 2010 auch mobile Beratung im Hamburger Umkreis an. Für alle, die nicht aus Ihrem Einzugsgebiet kommen, bietet sie ebenfalls Telefoncoaching an. Ihre Arbeitsweise ist kreativ und intuitiv, Klientenbezogen. Bekannt unter dem Begriff: "Individuelle Wegbegleitung". Sie schreibt Bücher und betätigt sich künstlerisch.