Negative Gefühle

Wenn Gefühle nicht sein dürfen

Unerwünschte Gefühle

Sogenannte negative Gefühle sind häufig Gefühle, die unerwünscht sind. Unerwünscht deswegen, weil wir nicht wissen, wie damit umgehen. Ob es nun beispielsweise Wut oder Trauer ist, für die Mitmenschen sind dies Gefühle, die heftige Emotionen ausdrücken, und die eine gewissen Hilflosigkeit auslösen.

Es sind Gefühle, die wir lieber nicht an anderen erleben, weil wir uns schutzlos fühlen, und nicht gelernt haben, adäquat darauf zu reagieren.

Noch immer ist es in unserer Gesellschaft so, dass wir eher die positiven, gewünschten Gefühle fördern, und die anderen Gefühle nach wie vor unterdrücken, oder bestenfalls ignorieren.

Trauer zum Beispiel akzeptieren wir kurzfristig, wünschen uns dann aber, der Trauernde mögen „nach vorn“ schauen, sich klar machen, dass das „Leben weitergeht“, und den „Kopf hochmachen“. All das nur, damit wir diesen Gefühlen nicht ausgesetzt sind.

Nicht ausgedrückte Trauer kann zur Depression führen

Der Trauer hilflos ausgesetzt

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich von Deutschen gelesen, die in Italien leben, und dort einen engen Familienangehörigen verloren haben. Da es sich beim Verstorbenen um einen Italiener handelte, wurden italienische Trauerrituale vollzogen. Es gab eine Totenwache, mit weinenden und schreienden Frauen. Sie schrien sich, wie in Italien zum Teil noch üblich, die Schmerzen aus der Brust. Für die Deutschen aber war dies kaum erträglich, obwohl sie einen ähnlichen Kummer in sich spürten. Da sie aber einen anderen Kultur entstammten, war ihnen dieses Kummer zur Schau tragen fremd und entsetzlich vorgekommen.

Aus psychologischer Sicht ist dieses Herausschreien der eigenen Schmerzen jedoch sinnvoll, da dies befreit, und dazu führt, irgendwann mit der Trauer abschließen zu können, da Trauerarbeit geleistet wurde. Bei uns ist es häufig so, dass nicht gelebte Trauer, und Trauer, die nicht wahrgenommen wurde, sich manifestiert, und zu Depressionen führen kann. Aber genau dieses Ausagieren der Trauer ist in unserer Gesellschaft nicht erwünscht.

Noch schlimmer ist es, wenn Trauer entsteht, die die Umwelt nicht nachvollziehen kann. Nach einer Trennung wird erwartet, dass man kurzfristig traurig ist, sich dann jedoch schnell wieder fängt, da „der Nächste schon an der nächsten Ecke wartet“, oder auch „andere Mütter schöne Töchter haben“. Warum jemand vielleicht länger trauert, interessiert hierbei niemanden. Wie traurig.

Wut & Aggression sind unbeliebt

 

Auch Wut ist verpönt

Ebenso ergeht es der Wut. Nur selten wird hinterfragt, wodurch die Wut entstanden ist. Vorderrangig geht es darum, die Wut zu unterdrücken, und zu stoppen. Sie ist ähnlich, wie die Trauer ein unerwünschtes Gefühl. Oft interessiert nur, dass Aggression da ist, und nicht, weshalb, oder es wird nach oberflächlichen Gründen gesucht.

Dabei ist es mittlerweile bekannt, dass Wut & Aggression häufig ein Zeichen von Hilflosigkeit ist, und der Grundstein dafür ebenfalls in der frühen Kindheit gelegt wurde. Die Person hatte möglicherweise übermächtige Eltern, oder wurde selbst mit Wut & Aggression konfrontiert. Gründe für die Entstehung von Aggression & Wut gibt es viele.

Wichtig scheint uns aber zu sein, diesen heftigen Gefühlen nicht ausgesetzt zu werden. Deswegen bemühen wir uns, ihnen aus dem Weg zu gehen, und sie gesellschaftlich zu ächten. Womit wir nicht konfrontiert werden, gibt es für uns nicht.


Neue Entwicklungen

Seit einigen Jahren lässt sich ein neues Phänomen beobachten. Je mehr sich psychologischen Wissen durch Sachbücher, wie Ratgeber, andere Medien und eigene Therapien in der Gesellschaft verbreitet haben, desto mehr nahm diese Entwicklung zu. Immer mehr Menschen lernten, auf sich zu achten, und negative Menschen von sich fern zu halten. Sie wollten sich nicht mehr „als seelischer Mülleimer“ missbrauchen lassen, oder sich von der Negativität anderer „herunter ziehen“ lassen.

Ein Lächeln wird gefordert

Es entstand eine Kultur des „immer gut drauf“ sein müssens. Nicht nur man selbst versuchte sich durch positives Denken zum Guten hin zu beeinflussen, sondern man fing auch an, Menschen zu meiden, die Kummer hatten. Statt solchen Freunden hilfreich zur Seite zu stehen, wandte man sich ab.

Immer mehr Forderungen wurden laut, „immer motiviert zu sein“, „aktiv zu sein“, und „sich nicht gehen zu lassen“. Gerade in den sozialen Medien, wie z.B. Instagram geht es immer häufiger darum, toll, fit und engagiert zu sein. Man bekommt den Eindruck, die Menschen wären allesamt positiv, und deswegen so super erfolgreich als Speaker oder Verkäufer von Wissen, wie man beruflich erfolgreich wird.

 

Vorschriften, wie man zu sein hat

Andere Gefühle sind unerwünscht

Andere Gefühle sind nicht nur nicht erwünscht, sondern werden regelrecht verdammt. Ein Mensch, dem es nicht so gut geht, der vielleicht gesundheitlich oder seelisch angeschlagen ist, muss sich fast zwangsläufig noch schlechter fühlen. Möglicherweise tut er es nur deshalb nicht, weil auch er genügend Follower hat, die seinen anderen Gefühlen Aufmerksamkeit schenken.

Nun sind diese angeblich negativen Gefühlen aber gar nicht ablehnenswürdig. Wir müssen nur lernen, damit adäquat umzugehen. Sie sind es, die uns ganz machen, die unser Menschsein ausmachen. Wir Menschen sind nun mal fähig eine Vielzahl von Gefühlen nicht nur zu haben, sondern auch auszudrücken. Dabei ist das eine Gefühl nicht besser als das andere. Auch wenn wir uns natürlich besser fühlen, wenn wir eher die aktivierenden Gefühle fühlen.

Das Leben zeigt uns aber, dass wir mal Phasen der Trauer haben, wie bei Krankheiten oder Verlusten, mal Phasen des Glücksgefühls, wie bei der Verliebtheit, oder beruflichem Erfolg. Unser Leben ist wechselhaft, und mit ihm unsere Gefühle. Um wie vieles wären wir ärmer, hätten wir nicht die Fähigkeit, Trauer oder Mitgefühl zu empfinden, oder wären wir immer gleich gelaunt.

Es gibt keine negativen Gefühle. Nur Gefühle, die von den Mitmenschen nicht so sehr erwünscht sind, weil diese nicht gelernt haben, mit diesen tiefen Gefühlen umzugehen. Wenn wir uns nun bewusst machen, dass alle Gefühle Platz in unserem Leben finden dürfen, einfach, weil das Leben unterschiedliche Erfahrungen für uns bereit hält, dann sollten wir daraus lernen, keine Forderungen nach dem „Immer gut drauf sein“ zu stellen. Eben weil wir sonst andere Gefühlen immer mehr negieren, und aus unserem Leben verbannen wollen.

 

Übrigens: Auch positive Gefühle können negativ sein, wenn sie unangemessen sind

Positives Denken

Positives Denken ist immer dann gut, wenn es dem Leben dient, und einem Menschen, der dauerhaft seelisch verwundet ist, wieder auf die Beine hilft. Es ist dann nicht gut, wenn es als Waffe gegen die unerwünschten Gefühle eingesetzt wird, und als verpflichtend gepriesen wird.

Wir sollten uns unserer Bandbreite von Gefühlen nicht schämen, nur weil es Menschen gibt, die damit nichts zu tun haben wollen. Wir können Stolz darauf sein, adäquat zu reagieren. Wer kann schon im Trauerfall gut drauf sein?

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Almut Bacmeister-Boukherbata
Psychologische Beraterin & Paarberaterin in eigener Praxis seit 2001. In Hamburg lebend und praktizierend. Bietet seit 2010 auch mobile Beratung im Hamburger Umkreis an. Für alle, die nicht aus Ihrem Einzugsgebiet kommen, bietet sie ebenfalls Telefoncoaching an. Ihre Arbeitsweise ist kreativ und intuitiv, Klientenbezogen. Bekannt unter dem Begriff: "Individuelle Wegbegleitung". Sie schreibt Bücher und betätigt sich künstlerisch.
Almut Bacmeister-Boukherbata

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