Sag nicht JA, wenn du NEIN meinst…

Liebevoll Grenzen setzen

Steht deine persönliche Ampel immer auf JA?

Du kennst bestimmt auch Menschen, denen es schwer fällt, NEIN zu sagen. Im ungünstigsten Fall gehörst auch du zu dieser Spezies, zu den Menschen, die JA sagen, obwohl ihnen NEIN lieber wäre. Sie haben es in einem Punkt nicht leicht im Leben. Ihnen fehlt die Fähigkeit, sich abzugrenzen.

Aber schauen wir uns die Umstände einmal genauer an:

Eine Frau, Mutter von zwei halbwüchsigen Kindern, allein erziehend, und berufstätig, engagiert sich im Elternrat. Sie ist Elternsprecherin in der Klasse ihrer Tochter, und Vertreterin des Elternsprechers in der Klasse ihres Sohnes. In beiden Klassen setzt sie sich für die Belange der Schüler und Eltern ein. Im Elternrat der Schule hat sie ebenfalls eine führende Position, und schreibt zusätzlich immer die Protokolle, weil sie das irgendwann einmal so eingebürgert hat.

Da sie sich auch in anderen Bereichen engagiert, merkt sie, dass ihr das alles allmählich zu viel wird. Die Termine häufen sich, und da die Kinder nicht zu kurz kommen sollen, bleibt ihre eigene Erholungszeit auf der Strecke. Immer kommt jemand an, und sagt: „Kannst du das bitte machen, du machst das doch immer so gut.“

Sie findet es ja irgendwie auch reizvoll, dass sie so begehrt ist, und immer wieder mit Aufgaben betreut wird. Also sagt sie weiterhin JA, wenn jemand sie bittet, ihm Arbeit abzunehmen. Irgendwann dämmert ihr allerdings, dass andere die Arbeit auf sie abschieben. Es ist ja SOOO bequem, sie zu fragen, die immer JA sagt.

Die Arbeitsbelastung häuft sich so, dass sie anfängt zu denken: Warum immer ich? Wieso muss ich eigentlich immer alles machen. In der Schule nehmen die Aufgaben allmählich überhand. Auch auf ihrer Arbeitsstelle stapeln sich die Papiere, die sie abarbeiten muss, weil die lieben Kollegen ihr häufig etwas abgeben: „Könntest du bitte…?“  JA. Es ist ja so schön, gebraucht zu werden.

Dennoch wird ihr so langsam klar, dass sie zukünftig einen Strich ziehen müsste. Sich abgrenzen gegenüber all den vielfältigen Forderungen ihrer Umwelt. Aber wie? Sie beginnt zu grübeln.

Da kommt ihr Sohn an, und sagt: „Mama, fährst du mich einmal kurz zu Papa?“ Er hat keine Zeit mich abzuholen, obwohl er es zugesagt hatte. Das wäre einfach super von dir, dann brauche ich nicht den Bus nehmen. Ich muss in 2 Minuten spätestens los, damit ich bei Papa noch meine Serie sehen kann.“

Während sich die Frau anzieht, schwant ihr, dass sie sich schon wieder nicht abgegrenzt hat. Sie hat Angst davor, dass ihr Sohn ein NEIN nicht akzeptieren würde. Schließlich springt sie immer, wenn die Kinder pfeifen. Auch will sie eine gute Mutter sein. Dass ihr Ex-Mann keine Probleme hat, NEIN zu sagen, und sie für ihn einspringt, fällt ihr dabei gar nicht auf. Dass ihr Sohn problemlos auch den Bus hätte nehmen können, wenn er früher los gefahren wäre, spürt sie zwar, wagt es aber nicht anzusprechen.

So hat sie die wichtigen Dinge, die sie gerade erledigen wollte, liegen gelassen, und mal wieder für andere funktioniert. Sie selbst bleibt dabei auf der Strecke. Ihr nimmt schließlich keiner Arbeit ab. Die sich breitmachende Erschöpfung schiebt sie auf Überlastung, nicht aber auf ihre Unfähigkeit, sich abzugrenzen. Dann macht sie den Rest halt heute Abend.

Wie kannst sie aber einem derartigen Dilemma entfliehen? Sie muss sich zunächst bewusst machen, warum sie nicht NEIN sagen kann. Sie wird in ihrer Kindheit nicht gelernt haben, sich abzugrenzen. Außerdem ist es ja auch so schön, das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden. Ihre Kinder halten sie für eine tolle Mutter, weil sie schließlich alles tut, um ihre Kinder bei Laune zu halten. Diesen die eigenen Grenzen aufzuzeigen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, zu lernen, dass auch sie selbst Grenzen haben dürfen, darauf kommt sie nicht. So wiederholt sie die Fehler ihrer Eltern.

Ihren Kollegen mag sie nichts abschlagen, da sie Angst hat, weniger gemocht zu werden. Dass diese mit ihren Forderungen regelmäßig über ihre Grenzen treten, sagt sie ihnen nicht. Die Gefahr, dass sie aufgrund ihrer Überlastung krank wird, scheint kein Argument, das ihre Kollegen akzeptieren würden. Auch, dass ein Gemochtwerden nichts damit zu tun hat, anderen die Arbeit abzunehmen, wird ihr in diesen Momenten nicht klar.

In der Schule bekommt sie viel Anerkennung dafür, was sie alles schafft. Diese Anerkennung tut ihr gut. Da die anderen Eltern sich immer drücken, denkt sie, jemand muss es ja tun, also zeigt sie ihre Bereitschaft, damit bestimmte Dinge einfach laufen. Das hat zur Folge, dass sie bei den anderen Eltern gern gesehen ist. Sie ist nun mal sehr bequem für die Anderen.

NEIN sagen, wenn es notwendig ist

Wenn sie sich ihrer Motivationen, auch der unbewussten, klar geworden ist,  dann kann sie den nächsten Schritt machen. Sie kann langsam beginnen, sich selbst wichtig zu nehmen, und ihre Überlastung nach außen durch ein deutliches NEIN kund tun.

Das geht am Einfachsten, wenn man über seine Gründe spricht, warum man plötzlich sein Verhalten ändert. „Ich merke, dass ich mir in letzter Zeit zu viel zugemutet habe, und bitte darum, dass jemand anderes diese Aufgaben übernimmt.“

Oft ist es nämlich so, dass Menschen, die als Ja-Sager leben, sehr gern belastet werden. Wenn diese nun ganz plötzlich lernen, NEIN zu sagen, kann das unter Umständen Ärger auf der anderen Seite auslösen. Schließlich müssen die Anderen nun plötzlich selbst wieder mehr tun. Das hat dann evtl. zur Folge, dass für eine gewisse Zeit Auseinandersetzungen folgen. So ganz kampflos wollen sie ja nicht ihr Feld der Bequemlichkeit räumen. Wichtig ist nun dabei, bei der eigenen Aussage zu bleiben, und eben durch Erklärungen dem Gegenüber ein wenig Wind aus dem Segel zu nehmen. Ein NEIN ist ein NEIN, und sollte gerade zu Beginn ein NEIN bleiben.

Ihren Kindern kann die Frau frühzeitig erklären, dass sie ein wenig kürzer treten muss, und mehr Zeit für ihre eigenen Aufgaben benötigt, Dass dies zur Folge hätte, dass die Kinder, die ja schon ziemlich groß sind, selbständiger werden müssen, und sich nicht immer chauffieren lassen, sondern Bus oder Fahrrad nehmen. Ein Satz, wie: „Du wirst erwachsen, und das bedeutet, dass du nehmen mehr Rechten auch mehr Pflichten hast. Dazu gehört auch, die Verantwortung für sein eigenes Leben allmählich zu übernehmen“, wirkt oft Wunder.

Wenn Mama es schafft, den Kindern die eigene emotionale Notwendigkeit aufzuzeigen, werden die Kinder nach kurzer Zeit des Protestes nachgeben. Sie müssen sich halt an den neuen Zustand gewöhnen, und auch in ihrem Inneren begreifen, dass sich etwas im Umgang miteinander ändert.

Wichtig ist in allen Fällen, nicht weich zu werden, oder in altes Verhalten zurück zu fallen, weil dies zur Folge hätte, dass ein dauerhafter Kampf entsteht, in der Hoffnung, wieder dem Ja-Sager zu begegnen.

Wer sich also einmal dazu entschlossen hat, auf sein Inneres zu hören, und dann NEIN zu sagen, wenn er merkt, dass er die Aufgaben nicht übernehmen will, wenn sie ihm zuviel werden, oder einfach, weil er aus subjektiven Gründen nicht möchte, der sollte konsequent bleiben. Dies erleichtert die gemeinsame Zukunft ungemein, da Kämpfe schneller vorbei gehen.

Wenn dann doch einmal ein JA kommt, (wenn das NEIN-Sagen in Fleisch und Blut übergangen ist), freut sich das Gegenüber um so mehr.

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Almut Bacmeister-Boukherbata
Psychologische Beraterin & Paarberaterin in eigener Praxis seit 2001. In Hamburg lebend und praktizierend. Bietet seit 2010 auch mobile Beratung im Hamburger Umkreis an. Für alle, die nicht aus Ihrem Einzugsgebiet kommen, bietet sie Telefonberatung an. Ihre Arbeitsweise ist kreativ und intuitiv, Klientenbezogen. Bekannt unter dem Begriff: "Individuelle Wegbegleitung". Sie schreibt Bücher und betätigt sich künstlerisch.
Almut Bacmeister-Boukherbata

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