Für das „duzen“ in unserer Gesellschaft

In der schwedischen Gesellschaft duzt man sich seit über 50 Jahren

Was duzen in unserem Inneren verändert

Duzen bringt Gleichberechtigung

Viele Menschen wissen nicht, dass sich in Schweden geduzt wird, und das bereits seit mehr als 50 Jahren. Wohl wissen wir, dass die skandinavischen Länder uns u.a. im Schulsystem voraus sind. Dass sich dort aber quer durch die Gesellschaft geduzt wird, ist weniger bekannt. Zwar wird auch in der Werbung von IKEA, dem großen schwedischen Einrichtungshaus, das DU verwendet, aber das hielten wir bisher für eine Werbemasche.

Fakt ist, dass die Schweden mehr oder weniger konsequent das DU abschafften, um dem Gleichheitsgedanken zu folgen. Aus dem Wissen heraus, dass alle Menschen gleich viel wert seien, bot es sich an, dies auch im Personalpronomen auszudrücken. So entstand das „du“ in Kombination mit dem Vornamen.

Es wird sich geduzt, unabhängig vom Rang oder Beruf eines Einzelnen. Die wirklich einzige Ausnahme bildet die Königsfamilie, die weiterhin gesiezt und mit Titeln angesprochen wird.

Stellen wir uns nun vor, dass das DUZEN auch bei uns gesellschaftlich Einzug halten würde. Zu Beginn würde uns häufig das „Sie“ herausrutschen, einfach aus Gewohnheit, und weil es bei uns üblich ist, scheinbar höher stehende Persönlichkeiten zu siezen. Mit der Zeit aber, würden wir uns daran gewöhnen, so, wie wir uns an den Euro gewöhnt haben.

Wir würden eine Gesellschaft, in der jeder jeden duzt. Wir alle würden uns mit Vornamen ansprechen. Statt zu sagen: „Frau Merkel, es wäre schön, wenn Sie…“, würden wir nun sagen: „Angela, es wäre schön, wenn du…“ Denken wir die Situation konsequent zu Ende, dann stellen wir fest, dass ein „du“ nicht zur Respektlosigkeit führt, sondern gerade weil jeder Mensch den gleichen Wert hat, und Respekt verdient, wir uns besonders um Achtung bemühen, unabhängig von dem verwendeten Personalpronomen. Das beliebte Gegenargument, es sage sich leichter: „Du Arschloch“, als „Sie Arschloch“ ist also unsinnig.

Was aber macht nun das Duzen mit uns? Wenn wir einmal überlegen, dann ist es für uns selbstverständlich, uns nahe stehende Personen, wie Familienmitglieder und Freunde zu duzen. Mit ihnen fühlen wir uns wohl und von ihnen fühlen wir uns angenommen. Als wir klein waren, duzten wir alle Menschen, bis uns dieses natürlich Verhalten ab erzogen wurde. Natürlich sprachen wir alle Menschen mit Vornamen an, denn das war es, was wir von Geburt an, gelernt hatten. Schließlich sprach auch Mama uns mit unserem Vornamen an, und sagte „du“ zu uns.

Menschen, die uns nicht nahe stehen, oder auch Menschen, die uns nicht sehr sympathisch sind, siezen wir gern. Wir sind gezwungen, Menschen zu siezen, die anscheinend über uns stehen, wie Lehrer, Ärzte, Beamte, aber auch fremde Menschen im Geschäftsleben, usw.

Das „Sie“ schafft Distanz. Es ist ein künstliches Konstrukt. Etwas, dass uns erst beigebracht werden musste, wie andere Regeln unserer Gesellschaft. Es vermittelt uns das Gefühl, dass der andere mehr wert sei, als wir selbst. Schließlich lernten wir spätestens mit Schulbeginn, dass die Frau Lehrerin, die uns Kleinen etwas beibringen wollte, zu siezen sei. Wir lernten also früh, Menschen zu siezen, die eine bessere Ausbildung hatten als wir, und uns auf die eine oder andere Art überlegen waren. Eine bessere Ausbildung allerdings macht diese Menschen keinesfalls zu besseren, wertvolleren Menschen.

Wir sind gleich. Mit all unseren Unterschieden. Wir sind gleich viel wert. Trotz unterschiedlicher Ausbildungen. Wir alle verdienen den gleichen Respekt, einfach, weil wir Menschen sind.

Wären wir nun eine Gesellschaft, wie die schwedische, in der geduzt und andere mit Vornamen angesprochen werden, würde der Bruch, der entsteht, wenn wir das SIEZEN lernen, fortfallen. Wir würden nicht das Gefühl ausprägen, dass es Unterschiede im Wert gäbe, sondern ein Gefühl von Vertrautheit mit anderen Menschen behalten. Wir würden lernen, dass es unterschiedliche Ausbildungen und Berufe gibt, aber jeder Mensch den gleichen Wert und die gleichen Rechte besitzt. Unsere Selbstvertrauen wäre weniger angeknackst.

Das gesellschaftliche „du“ würde zu mehr gefühlter Gerechtigkeit führen, und anzeigen, dass wir alles nur eins sind: Menschen.

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Almut Bacmeister-Boukherbata
Psychologische Beraterin & Paarberaterin in eigener Praxis seit 2001. In Hamburg lebend und praktizierend. Bietet seit 2010 auch mobile Beratung im Hamburger Umkreis an. Für alle, die nicht aus Ihrem Einzugsgebiet kommen, bietet sie Telefonberatung an. Ihre Arbeitsweise ist kreativ und intuitiv, Klientenbezogen. Bekannt unter dem Begriff: "Individuelle Wegbegleitung". Sie schreibt Bücher und betätigt sich künstlerisch.
Almut Bacmeister-Boukherbata

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